Freitag, Juli 12, 2024
 

Arzneimittelknappheit – welcher Weg führt aus der Sackgasse?

Die Engpässe bei der Arzneimittelversorgung machen sich immer deutlicher bemerkbar. Inzwischen sind selbst alltägliche Medikamente, wie etwa die pädiatrischen Versionen von Paracetamol oder Amoxicillin, nur schwer zu bekommen. Und die Besorgnis wächst, da sich die Lage weiter zu verschärfen scheint. Eine Task Force ist mit der Suche nach Lösungen befasst, um einen Ausweg zu finden. Erklärungsansätze.

Seit einigen Monaten herrscht gähnende Leere in verschiedenen Regalen der Apotheken. Das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) bezeichnet die Situation als «problematisch». Neu ist, dass nun auch Arzneimittel betroffen sind, die für die Allgemeinheit bestimmt sind. Die bisher im Wesentlichen auf Spitäler beschränkte Verknappung dehnt sich nun auch auf den ambulanten Bereich (Apotheken und Arztpraxen) aus. Viele wichtige Medikamente, darunter Schmerzmittel und Antibiotika, aber auch Adrenalin-Pens und Impfstoffe, sind nicht mehr oder nur noch in sehr geringen Mengen erhältlich.

Eine aus mehreren Faktoren entstandene Krise

«Wir sensibilisieren die Behörden bereits seit mehreren Jahren für diese Thematik», erklärte der Schweizerische Apothekerverband PharmaSuisse über seine Sprecherin für die Westschweiz, Nicole Demierre Rossier. Kritische Situationen dieser Art neigen dazu, an Fahrt aufzunehmen und sich zu intensivierten Die aktuelle Krise ist international und begann bereits 2019. Doch eigentlich wurzelt das Problem noch tiefer: In den vergangenen 30 Jahren wurde die Produktion von 80 % der Wirkstoffe nach Asien verlagert, insbesondere nach China und nach Indien, wobei diese Länder selbst einen hohen Bedarf aufweisen. Die Spannungen sind auch auf die geringe Anzahl von Akteuren zurückzuführen, auf die ein grosser Teil der Produktion konzentriert ist: 40 % der Generika werden weltweit von zwei Pharmaunternehmen hergestellt.

Diese Produktion wurde in den letzten Jahren durch die Covid-Pandemie stark beeinträchtigt. Hinzu kamen die jüngsten – und besonders massiven – Grippe- und Bronchiolitis-Epidemien: Der verstärkte Einsatz von Medikamenten wie Paracetamol führte zu Versorgungsengpässen auf einem bereits angespannten Markt. Für eine weitere Verschärfung der Lage sorgte schliesslich die Energiekrise: Unternehmen, die Zusatzstoffe herstellen und Medikamente verpacken, sind aufgrund der steigenden Energie- und Rohstoffkosten in manchen Fällen gezwungen, ihre Produktion zu drosseln.

Medikamente – ein selten gewordenes Gut

Wie aus der Liste des Bundesamtes für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) hervorgeht, waren am 22. März dieses Jahres etwa 150 Arzneimittel nur noch in begrenzter Menge verfügbar oder nicht mehr lieferbar. PharmaSuisse bedauert eine «Zeitverschwendung auf ärztlicher, offizinaler und logistischer Ebene sowie Gesundheitsrisiken in Bezug auf die Behandlung von Patienten mit chronischen Erkrankungen». Von besonderer Brisanz ist diese Situation bei Pathologien wie z.B. Krebserkrankungen, da Engpässe bei der Versorgung mit bestimmten Molekülen für die Betroffenen eine Minderung ihrer Heilungschancen bedeutet.

Die Teams in den Apotheken, die unablässig nach Alternativen suchen, setzen alles daran, die Patienten zu beruhigen und die Kontinuität und Sicherheit ihrer Behandlung zu gewährleisten… «Ohne jegliche Entschädigung für diese Mehrarbeit», wie die Sprecherin von PharmaSuisse für die Westschweiz bedauert. Einige Patienten sind zum Teil gezwungen, mehrere Kilometer zurückzulegen, weil ihre Stammapotheke keine Vorräte mehr hat. In anderen Fällen verzichten Patienten gänzlich auf eine Behandlung oder unterbrechen / verschieben sie, weil bestimmte Moleküle nicht erhältlich sind.

Ergriffene Massnahmen

Anfang des Jahres kündigte das Bundesamt für Gesundheit (BAG) an, dass Apotheken nun die Eigenherstellung von Arzneimitteln aus einem Medikament der Arzneispezialitätenliste vornehmen können, wenn der Bedarf nicht mehr gedeckt werden kann. Diese Arzneimittel aus Eigenherstellung werden von der obligatorischen Krankenpflegeversicherung erstattet, was zuvor nicht der Fall war. Die Krankenversicherungen übernehmen somit die Kosten für Medikamente, welche die Apotheken selbst herstellen, was z.B. für einen schmerzlindernden Sirup für Kinder gilt. PharmaSuisse weist jedoch darauf hin, dass es diesbezüglich ein Problem gibt: «Die Erstattung von Medikamenten aus Eigenherstellung erfolgt auf Basis einer veralteten Arzneimittelliste mit Tarif (ALT) aus dem Jahr 2005. Die für die Apotheken anfallenden Kosten können dadurch nicht gedeckt werden»

Erst kürzlich (am 22. März) empfahl die von der Wirtschaftlichen Landesversorgung eingesetzte Task Force den Apotheken und Arztpraxen, bestimmte Medikamente, wenn möglich und mit Ausnahme von chronischen Erkrankungen, nur in begrenzten Mengen zu verschreiben und abzugeben.Das Ziel? «Durch diese Massnahme können die verfügbaren Einheiten von Medikamenten auf eine grössere Anzahl von Patienten verteilt werden, und es wird vermieden, dass angebrochene Packungen entsorgt werden.» Die Wirksamkeit dieser Massnahme wird hauptsächlich von der Verfügbarkeit der Verpackungen und deren Grösse abhängen», betont Thomas Grünwald, Kommunikationsbeauftragter des BAFA, der gleichzeitig einräumt, dass dies «eine Mehrarbeit bedeutet.Apotheken und Arztpraxen, die Arzneimittel selbst an Patienten abgeben, müssen die aufgeteilten Mengen entsprechend den Angaben auf der Originalverpackung etikettieren, eine Kontrolle durchführen und den Vorgang ordnungsgemäss dokumentieren, um im Falle eines Rückrufs der betreffenden Arzneimittel die Rückverfolgbarkeit zu gewährleisten». Viele Apotheker verweisen auf den damit verbundene Arbeits- und Zeitaufwand: «Die Aufteilung einer Packung, um einen Teil davon an verschiedene Patienten abzugeben,

ist im Hinblick auf die zivilrechtliche Haftung, die Rückverfolgbarkeit, die Etikettierung, die Verpackung, die Vervielfältigung der Packungsbeilage usw. nicht zu vernachlässigen.Diese Aufgaben führen zu einer zusätzlichen täglichen Mehrarbeit für die Apotheken, deren Vergütung die Kosten nicht deckt, erklärt Nicole Demierre Rossier. Unser Dachverband bedauert, dass trotz intensiver Verhandlungen keine bessere Lösung für die Vergütung der Leistungen der Apotheker erzielt werden konnte. Wir hoffen, dass hier bald Abhilfe geschaffen wird.»

Die Herausforderung der langfristigen Strategie

Für viele Stoffe werden die Bestände aus den strategischen Reserven aufgestockt, die der Bund Ende Februar freigegeben hat. Dies geschieht nicht zum ersten Mal! Bereits im letzten Jahr wurden über 150 Anträge gestellt, was ein neuer Rekord war. Da die Wirtschaftliche Landesversorgung die Versorgung mit Arzneimitteln als «sehr angespannt» einstufte, konnte der Markt durch die Freigabe von Reserven in rund 120 Fällen entlastet werden.

Könnte die Herstellung neuer Kontakte mit der Pharmaindustrie eine Verbesserung der Situation bewirken? «Es bestehen bereits enge Kontakte mit der Privatwirtschaft, insbesondere über den Bereich Heilmittel der Wirtschaftlichen Landesversorgung, in dem Brancheninsider mitarbeiten. Die Privatwirtschaft ist ebenfalls an der Task Force Arzneimittelknappheit beteiligt», antwortet Thomas Grünwald. PharmaSuisse bringt sich seinerseits weiter in mehrere Arbeitsgruppen und Task Forces ein, um kurz- und mittelfristige Lösungen zu finden: «Die Behörden müssen das Gespräch mit den Vertretern der Pharmaindustrie suchen. Sie müssen sich der Problematik der Preise für Arzneimittel – im Besonderen die älteren – annehmen, und Rahmenbedingen auf Bundesebene schaffen, die zukünftigen Engpässen bei Heilmitteln und anderen unverzichtbaren Medizinprodukten vorbeugen, um eine sichere Versorgung mit Medikamenten sicherzustellen», schliesst Nicole Demierre Rossier.

Es geht auch um eine bessere Überwachung der Lieferungen, die frühzeitige Erkennung von Problemen, die Erleichterung von Genehmigungs- und Einfuhrverfahren, die Ausweitung der Pflicht zur Vorratshaltung… All diese Massnahmen können dazu beitragen, die angespannte Versorgungslage zu mildern. Die derzeitigen Schwierigkeiten rufen auch in Erinnerung, welch strategische Bedeutung die Pharmaindustrie hat. Die Engpässe sind ebenfalls darauf zurückzuführen, dass Pharmaunternehmen ältere Medikamente, die nach Ablauf des Patentschutzes weniger rentabel sind, aufgeben.

Aus diesem Grund hat das BAG im Rahmen der regelmässigen Überprüfung der Arzneimittelpreise darauf verzichtet, die Preise für kostengünstige lebenswichtige Produkte zu senken, wenn dies gerechtfertigt ist. Angesichts der Tatsache, dass Preissenkungen Hersteller dazu bewegen können, bestimmte lebenswichtige Arzneimittel (insbesondere Antibiotika) aufgrund mangelnder Rentabilität vom Schweizer Markt zu nehmen, hat das Amt beschlossen, den Preis für solche Arzneimittel zu erhöhen, um die Versorgung der Schweizer Bevölkerung zu sichern. Dies ist der Preis für eine nachhaltige Lösung dieser Krise.

La Rédaction – Vita OTChttps://www.vita-otc.ch

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